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Das Gigabyte-Postfach unter der Lupe: Googlemail

Oliver W. Oliver W.

1000 MB Speicherplatz für E-Mails - Googles Googlemail ist der neue Maßstab für Freemail-Dienste. Noch kann nicht jeder das Angebot nutzen - und wenn, dann muss man mit manchem Kompromiss leben. Ein Testbericht.

Unter den Suchmaschinen dieser Welt hat sich Google in den vergangenen Jahren unbestritten die "Pole Position" gesichert - wer etwas im Internet sucht, greift zumeist auf Google zurück. Schnell, innovativ, umfassende Ergebnisse - das sind die Kennzeichen des Suchdienstes. Eigenen Angaben zufolge erreicht Google über 8 Milliarden Web-Seiten, relevante Suchergebnisse werden in der Regel binnen einer halben Sekunde ausgegeben. Mit ständigen Neuerungen - Stichworte: Toolbar, AdSense, AdWords, Bildersuche oder News-Portal - erfreut der global agierende Konzern seither Internetnutzer. Am 1. April dieses Jahres dann die nächste Neuerung: "Googlemail", der Webmail-Dienst mit einem Speichervermögen von 1000 MB.

Ein Aprilscherz? Durchaus denkbar angesichts der Tatsache, dass die meisten Webmailer und Provider bis dato sehr viel weniger Speicherplatz für E-Mail-Kommunikation anboten. Doch mitnichten: Googlemail (www.googlemail.com) läuft, wenngleich noch in der Betatest-Phase und nur für ausgewählte Nutzer. Wir haben uns den Dienst einmal angeschaut.

Die wichtigsten Fakten vorab:

Jeder Benutzer erhält bei Google 1000 MB Speicherplatz für seine E-Mails. Der Dienst ist kostenlos, da werbefinanziert (siehe unten). Die E-Mails können unter Zuhilfenahme der Google-Suchtechnologie durchsucht werden - das verspricht schnelles Finden auch ohne tiefgehende Ordnerstruktur. E-Mails werden nicht chronologisch, sondern nach Nachrichtenverlauf sortiert. So wird eine Antwort auf eine E-Mail unter der vorherigen E-Mail zum gleichen Thema angezeigt. Pop3 und Weiterleitungen auf eine andere E-Mail-Adresse sind möglich.

Suche oder Ordnerverwaltung

"Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum Suchen", besagt ein Sprichwort - und in der Tat passt selbiges auf Googlemail wie die ebenso sprichwörtliche "Faust aufs Auge". Will heißen: Die hinter Googlemail liegende Suchtechnologie ist vom feinsten, man kann nicht nur nach Absender oder Betreff suchen, sondern eine Suchanfrage durch die kompletten Mail-Texte schicken. Wer dennoch Ordner ("Labels") anlegen möchte, kann dies natürlich tun. Ein Highlight ist dabei, dass man E-Mails verschiedenen Ordnern zuweisen kann - das ist bei anderen Mail-Diensten nicht möglich.

Sortierung bei Schriftverkehr gewöhnungsbedürftig

Ebenso innovativ wie gewöhnungsbedürftig ist die Sortierung der E-Mails bei einer länger währenden Kommunikation. Sortieren andere Webmailer oder Mailprogramme in der Regel nach Datum (oder wahlweise nach Absender, Subject etc.), so fasst Google den Schriftverkehr zwischen zwei Personen zusammen - vorausgesetzt, das Subject ändert sich nicht. Im Posteingang liegt also nur eine ersichtliche E-Mail, die jedoch in nächster Ebene den gesamten Kommunikationsverlauf darstellt.

Ungeachtet dessen kann man bei Googlemail per Filterfunktion auch nach Datum, Absender, Betreff oder Text sortieren - auf die "klassische" Sortierung muss also niemand verzichten.

"Quote"-Funktion

Eine E-Mail-Kommunikation "lebt" in der Regel bekanntlich von der Antwort auf Versatzstücke der E-Mail des Gegenübers - man "pickt" sich per Zitierfunktion einzelne (Ab-) Sätze des Kommunikationspartners heraus und antwortet darauf. Diese Zitate ("Quotes") werden von Google leider automatisch ausgeblendet und erst via Mausklick eingeblendet. Das macht eine E-Mail mitunter zwar übersichtlicher, ist aber bei längeren Dialogen zweifelsfrei hinderlich.

Das "Star"-Label

Nützlich ist der von Googlemail vorgegebene "Starred"-Ordner, in dem man E-Mails ablegen kann, die man später bearbeiten bzw. kurzfristig im Blick haben möchte. Diese E-Mails - mit einem Sternchen markiert - genießen also eine Art "Sonderstellung. Im "Starred"-Ordner kann man auch einzelne E-Mails ablegen; eine mehrere Mails umfassende Kommunikation wird dann ausgeblendet.

Papierkorb löscht nach 30 Tagen

Trotz des immensen Speicherangebots von 1000 MB muss man natürlich auch bei Googlemail so manche E-Mail löschen. Was in den Papierkorb wandert, wird automatisch nach 30 Tagen gelöscht - da bildet Googlemail keine Ausnahme gegenüber anderen Mail-Diensten.

POP3 und Weiterleitung sind möglich, IMAP nicht

Seit Mitte November ermöglicht Googlemail auch das Abrufen von E-Mails per POP3. Derart können die über Googlemail einlaufenden E-Mails auch per Outlook, Outlook Express, Thunderbird etc. abgerufen werden. Die entsprechenden Einstellungen kann man in den "Settings" unter dem Menüpunkt "Forwarding and POP" vornehmen - sofern man denn einen der begehrten Beta-Accounts hat. Per POP abgerufene oder auf eine andere E-Mail-Adresse weitergeleitete Mails kann man auf Wunsch übrigens im Googlemail-Webmailer belassen.

Das IMAP-Protokoll lässt sich bislang nocht nicht mit Googlemail nutzen. Allerdings, verspricht zumindest die FAQ-Zusammenstellung von Googlemail, arbeite man an weiteren Features. Es ist also durchaus denkbar, das Googlemail auch bald mit IMAP genutzt werden kann.

1 Gigabyte Speicherplatz - aber pro Mail nur 10 MB

Ein Gigabyte Speicherplatz, das klingt verlockend. Ist es auch, keine Frage - allerdings ist das nur die "halbe Wahrheit". Denn leider ermöglicht auch Googlemail "nur" das Senden und Empfangen von maximal 10 MB großen E-Mails. Darüber hinaus gehende E-Mails werden abgewiesen bzw. nicht verschickt.

Das hat wohl auch den Hintergrund, dass Googlemail keineswegs jedem Nutzer bei Eröffnung des Postfachs 1 GB Online-Speicherplatz zur Verfügung stellt, vielmehr wird der zur Verfügung stehende Speicherplatz dynamisch verwaltet. Wird Speicherplatz gebraucht, so erhält ihn der Nutzer - vorausgesetzt, er überschreitet nicht das vorgegebene Limit. Die Speicherplatzzuteilung ist also flexibel.

Auch wichtig: Wer seinen Account über einen Zeitraum von neun Monaten nicht nutzt, bekommt selbigen gelöscht, einschließlich aller eingegangenen E-Mails. Der reservierte Nutzername wird dann neu vergeben.

Umstrittene Finanzierung über Werbung

Das Googlemail-Angebot ist kostenlos - und da wirft sich natürlich die Frage auf, wie sich der Dienst finanziert. Die Antwort ist einfach: über Werbung. Natürlich gibt es bei Googlemail - schließlich sind wir hier bei Google - keine Banner, sondern nur Textanzeigen, die weithin bekannten Google AdWords also, bei Googlemail ausgewiesen als "Related Pages". Diese werden kontextbezogen auf den Inhalt der E-Mail eingeblendet - empfängt man beispielsweise eine E-Mail, in der das Wort "Downloads" vorkommt, so bekommt man in der rechten Seitenleiste die entsprechende Werbung angezeigt.

Bislang funktioniert das nur mit englischsprachigen Begriffen, deutschsprachige E-Mails bleiben de facto werbefrei. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Googlemail bislang nur eine englische Oberfläche bietet. In Zukunft dürfte sich das freilich ändern - dann nämlich, wenn Googlemail über den Beta-Status hinaus und für jeden verfügbar ist.

Diese Vorgehensweise ist allerdings umstritten: Datenschützer und Bürgerrechtler haben bereits kritisiert, dass Google den Inhalt von E-Mails automatisch ausliest, um passende Werbung einzublenden. Die Frage, wo der Datenschutz des Providers bleibt, ist zweifelsohne berechtigt, zumal das deutsche Fernmelde-Geheimnis besagt, dass der Inhalt von Telefonaten, Faxen und E-Mails der strikten Vertraulichkeit unterliegt. "Es ist unerheblich, ob eine E-Mail von einem anderen Menschen oder einer Maschine mitgelesen wird", sagte im April Andreas Hermann, Sprecher des Datenschutzbeauftragten in Niedersachsen, der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Allerdings weist Google in den Nutzungsbedingungen von Googlemail darauf hin, dass die empfangenen E-Mails ausschließlich für Werbeeinblendungen ausgelesen würden. Darüber hinaus würde man keine Daten verkaufen. Und wie jeder Freemail-Besitzer weiß, wird man auch bei anderen kostenlosen Diensten mitunter geradezu genötigt, persönliche Angaben preiszugeben - angefangen bei Adresse über Freizeit-Interessen bis hin zum Einkommen.

Ein zweischneidiges Schwert, durchaus - aber ohne Werbung, das ist klar, lässt sich kein kostenloses Angebot finanzieren. Wer ein kostenloses Angebot in Anspruch nehmen möchte, muss an anderer Stelle zumeist Abstriche machen. Vielleicht führt Google ja noch ein werbefreies und kostenpflichtiges Googlemail ein - ansonsten kann man das bestehende Angebot nutzen oder es eben lassen.

So bekommen Sie einen Googlemail-Account

Das Googlemail-Angebot von Google befindet sich noch immer in der Beta-Phase, dies wohl auch angesichts des umstrittenen Datenschutzes. Wer damit keine Probleme hat oder das Googlemail-Angebot testen möchte, benötigt eine Einladung für den Googlemail-Betatest.

Mittlerweile dürften mehrere tausend Personen den Googlemail-Dienst im Rahmen des Beta-Tests nutzen. Einen anderen User "einladen" kann jeder, der eine E-Mail mit dem Subject "Invite a friend to join Googlemail!"in seinem Postfach findet. Wer partout keine Einladung bekommt, sollte mal auf eBay nachschauen - dort gibt's einen Googlemail-Account in der Regel für einen Euro. Noch sind nicht viele Namen vergeben, wobei zu beachten ist, dass jeder Googlemail-Account mindestens sechs Buchstaben umfassen muss. Eine Adresse à la "meier@googlemail.com" ist also nicht möglich.

Bevor man sich einen Googlemail-Account holt, sollte man bedenken, dass auch Mail-Dienste wie GMX mittlerweile 1 GB Online-Speicherplatz im kostenlosen Angebot bieten. Ein gewisser "Zugzwang" war diesem Schritt sicherlich vorausgesetzt, ändert aber freilich nichts an der qualitativen Leistung.

Bis dato ist übrigens nicht bekannt, wann Googlemail "offiziell" startet.

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